Hier kann die ausführliche Geschichte, Kultur, Technologie, Motivation und Rolle der Fraktion eingetragen werden.
Prolog: Bevor es Namen gab
Lange bevor ein Thalassyn sein erstes Wort dachte, sang der Himmel von Ilyr-Thaal.
Ilyr-Thaal war kein Planet mit Bergen, Meeren oder festem Boden. Er war ein gewaltiger Gasriese, umgeben von silbernen Ringen und neunundvierzig Monden. In seinen oberen Wolkenschichten tobten Stürme, die Jahrhunderte überdauerten. Elektrische Entladungen zogen wie leuchtende Adern durch die Atmosphäre, während warme Strömungen aus der Tiefe mineralreichen Nebel nach oben trugen.
In diesen Wolken entstand Leben.
Zuerst waren es winzige Organismen, die sich von elektrischen Ladungen ernährten. Sie schwebten einzeln durch die Stürme, wurden von Winden auseinandergerissen und von anderen Lebensformen verschlungen.
Doch irgendwann begannen einige von ihnen, Schwingungen auszusenden.
Die ersten Töne hatten keine Bedeutung. Sie waren Warnungen, Lockrufe und Signale der Nähe. Mit jeder Generation wurden die Muster komplizierter. Einzelne Lebewesen verbanden ihre Nervensysteme miteinander und bildeten große, schwebende Kolonien.
Erinnerungen gingen nicht mehr verloren, wenn ein Wesen starb.
Sie wurden als elektrische und chemische Muster weitergegeben.
Aus Instinkten wurden Erfahrungen.
Aus Erfahrungen wurden Gedanken.
Aus Gedanken wurde der erste Chor.
Die frühen Thalassyn kannten keine Eltern und keine Kinder. Neue Wesen entstanden aus Knospen, die von größeren Kolonien abgestoßen wurden. Jede Knospe trug einen kleinen Teil der Erinnerungen des Chors in sich.
Ein junges Wesen wusste deshalb bereits, welche Strömungen gefährlich waren, wo Nahrung gefunden werden konnte und wie sich das Licht eines nahenden Sturms anhörte.
Doch es wusste nicht, wer es selbst war.
Diese Frage musste jedes Thalassyn allein beantworten.
I. Der erste eigene Ton
Unter den ältesten Erinnerungen des Chors befindet sich das Leben eines Wesens, das später Shaal-Ilya genannt wurde.
Damals besaßen die Thalassyn noch keine Namen. Sie unterschieden einander durch Tonfolgen. Jeder von ihnen erzeugte eine persönliche Resonanz, die sich mit dem Chor verband.
Shaal-Ilyas Ton passte jedoch zu keinem bekannten Muster.
Wenn der Chor nach Norden zog, wollte Shaal-Ilya in die Tiefe.
Wenn der Chor vor den schwarzen Stürmen floh, lauschte Shaal-Ilya ihnen.
Wenn die Erinnerungen der Vorfahren eine Gefahr meldeten, fragte Shaal-Ilya, ob eine alte Erfahrung in einer veränderten Welt noch immer richtig sein müsse.
Für den Chor war das ungewöhnlich, aber nicht verboten. Die Thalassyn kannten damals weder Gesetze noch Strafen. Eine abweichende Stimme galt nicht als Bedrohung. Sie war lediglich ein Ton, dessen Bedeutung noch nicht verstanden wurde.
Eines Tages verließ Shaal-Ilya die warmen Strömungen und sank tiefer in den Planeten hinab als irgendein Wesen zuvor.
Dort war der Druck gewaltig. Das Licht der oberen Stürme verschwand. Die Gase wurden dicht und schwer. Shaal-Ilyas äußere Membranen rissen mehrfach auf, heilten und wurden stärker.
In der Tiefe entdeckte Shaal-Ilya schwebende Kristallkörper, die durch den Druck entstanden waren. Sie speicherten elektrische Schwingungen über lange Zeiträume.
Shaal-Ilya sang in einen dieser Kristalle.
Der Kristall antwortete.
Nicht mit einer eigenen Stimme, sondern mit einer vollkommenen Wiedergabe des gesungenen Tons.
Zum ersten Mal konnte ein Thalassyn eine Erinnerung außerhalb eines lebenden Körpers bewahren.
Shaal-Ilya brachte die Kristalle in die oberen Schichten. Der Chor nannte sie Nhal-Saat, die erinnernden Steine.
Dadurch veränderte sich die thalassynische Zivilisation für immer.
Erinnerungen mussten nicht länger nur von Generation zu Generation übertragen werden. Sie konnten gesammelt, verglichen und neu erlebt werden. Ein Thalassyn konnte fühlen, wie ein Vorfahr Jahrtausende zuvor einen Sturm durchquert hatte.
Doch die Kristalle speicherten nicht nur Wissen.
Sie speicherten Angst, Freude, Schmerz und Liebe mit derselben Stärke wie am ursprünglichen Tag.
Für die Thalassyn war Geschichte fortan nicht etwas, das erzählt wurde.
Geschichte konnte erneut gefühlt werden.
II. Der Garten ohne Boden
Mit Hilfe der erinnernden Steine entwickelten sich die Thalassyn schneller.
Sie lernten, lebende Organismen gezielt miteinander zu verbinden. Einige Lebensformen filterten Mineralien aus den Wolken. Andere speicherten Wärme oder erzeugten schützende Felder gegen Strahlung.
Die Thalassyn bauten keine Werkzeuge.
Sie erschufen Lebensformen, die bestimmte Aufgaben übernehmen konnten.
Aus kleinen Filterorganismen entstanden schwebende Gärten. Aus gepanzerten Jägern wurden Beschützer. Leuchtende Schwärme übermittelten Nachrichten durch die Stürme.
Der größte Durchbruch gelang, als Shaal-Ilya eine Symbiose mit einem gewaltigen atmosphärischen Wesen einging.
Dieses Wesen, ein Vaeluun, war fast zehn Kilometer lang. Es wanderte durch die oberen Wolkenschichten und ernährte sich von kosmischer Strahlung. Shaal-Ilya verband sich mit seinem Nervensystem und zeigte ihm die Erinnerungen des Chors.
Der Vaeluun reagierte nicht mit Angst.
Er sang zurück.
Sein Lied war langsam und tief. Es enthielt keine Worte, aber Bilder: die Ringe des Planeten, die fernen Monde und das Licht der Sterne über der Atmosphäre.
Zum ersten Mal erkannte der Chor, dass außerhalb von Ilyr-Thaal eine größere Welt existierte.
Die Thalassyn begannen, neue Vaeluun zu züchten. Ihre Körper wurden mit organischen Kammern, Sinnesorganen und schützenden Panzerschichten erweitert. Über viele Generationen passten sie sich an das Vakuum an.
So entstanden die ersten lebenden Schiffe.
Als der erste Sternenträger die Atmosphäre verließ, blickten Tausende Thalassyn durch seine Augen.
Sie sahen ihren Heimatplaneten von außen.
Ein blau-violetter Gigant, überzogen von leuchtenden Stürmen.
Der gesamte Chor schwieg.
Es war das erste gemeinsame Schweigen seiner Geschichte.
Danach sang Shaal-Ilya einen neuen Ton.
Er bedeutete:
Wir sind nicht der Himmel. Wir leben nur in ihm.
III. Die Teilung der Stimmen
Die Entdeckung des Weltraums brachte eine Frage hervor, auf die es im Chor keine gemeinsame Antwort gab.
Sollten die Thalassyn Ilyr-Thaal verlassen?
Ein Teil des Chors glaubte, ihre Aufgabe bestehe darin, ihren Ursprungsplaneten zu schützen. Diese Stimmen wurden später die Bewahrer der Tiefe genannt.
Andere wollten die Monde und Sterne erforschen. Sie nannten sich die Weitlauschenden.
Eine dritte Gruppe fürchtete, dass große Entfernungen den Chor zerreißen würden. Wenn sich die Thalassyn über verschiedene Systeme verteilten, könnten ihre Erinnerungen nicht mehr regelmäßig ausgetauscht werden. Unterschiedliche Erfahrungen würden zu unterschiedlichen Wahrheiten führen.
Diese Gruppe erhielt den Namen Hüter des Einklangs.
Es kam zu keinem Krieg.
Die Thalassyn kannten keine Waffen, die gegen das eigene Volk gerichtet waren. Trotzdem war die Auseinandersetzung schmerzhaft. Ganze Chöre weigerten sich, die Erinnerungen anderer Gruppen aufzunehmen. Manche veränderten ihre Resonanz, damit sie nicht mehr gehört werden konnten.
Shaal-Ilya versuchte, die Stimmen zu vereinen.
„Ein Lied besteht nicht daraus, dass alle denselben Ton singen“, erklärte Shaal-Ilya. „Es lebt durch Unterschiede, die einander Raum lassen.“
Die Hüter des Einklangs widersprachen.
„Ein Chor, der sich nicht mehr versteht, ist kein Chor.“
Schließlich traf Shaal-Ilya eine Entscheidung, die bis heute als Erste Öffnung bekannt ist.
Jede Gruppe durfte ihren eigenen Weg wählen. Doch alle sollten in regelmäßigen Abständen ihre Erinnerungen miteinander teilen. Kein Teil des Volkes durfte Wissen zurückhalten. Keine Stimme sollte gezwungen werden, in einem Chor zu bleiben.
Damit entstand die Gesellschaftsform der Thalassyn.
Sie besaßen fortan keine Zentralregierung. Jeder Chor konnte eigene Entscheidungen treffen. Zusammengehalten wurden sie nicht durch Gesetze, sondern durch den freiwilligen Austausch von Erinnerung.
Shaal-Ilya reiste mit den ersten Weitlauschenden zu den Monden von Ilyr-Thaal.
Dort starb das älteste bekannte Wesen des Chors.
Sein Körper wurde nicht begraben. Die Thalassyn lösten ihn in einem schwebenden Garten auf, sodass sein biologisches Material neues Leben nähren konnte.
Seine Erinnerungen blieben in Tausenden Nhal-Saat-Kristallen erhalten.
Doch seinen letzten Gedanken teilte Shaal-Ilya mit niemandem.
Der entsprechende Kristall blieb leer.
IV. Die Welt, die schrie
Viele Jahrtausende später erreichte ein thalassynischer Erkundungschor das System Veyara.
Dort befand sich ein felsiger Planet mit weiten Ozeanen und üppigem Leben. Auf seiner Oberfläche existierte keine intelligente Zivilisation. Dennoch war die Welt von einem komplexen Netzwerk aus Pilzen, Pflanzen, Mikroorganismen und elektrischen Mineraladern durchzogen.
Als die Thalassyn ihre Sensoren mit diesem Netzwerk verbanden, hörten sie etwas Unerwartetes.
Die Welt besaß keine Sprache.
Aber sie reagierte.
Wälder warnten einander vor Bränden. Pilzkolonien speicherten chemische Erinnerungen. Tierwanderungen folgten elektrischen Impulsen im Gestein. Ozeane beeinflussten das Wachstum ganzer Kontinente.
Für die Thalassyn fühlte sich der Planet wie ein gewaltiger, langsamer Chor an.
Sie nannten ihn Lethara, die tief träumende Welt.
Über Jahrhunderte beobachteten sie seine Entwicklung. Sie beeinflussten nichts und entnahmen keine Ressourcen. Einige Thalassyn verbanden sich dauerhaft mit dem planetaren Netzwerk und wurden zu Übersetzern seiner langsamen Empfindungen.
Dann erschienen fremde Schiffe.
Es waren automatisierte Bergbaueinheiten einer längst vergessenen Zivilisation. Ihre Maschinen landeten auf Lethara und begannen, seltene Metalle aus den elektrischen Adern des Planeten zu fördern.
Die Thalassyn versuchten, Kontakt aufzunehmen.
Die Maschinen reagierten nicht.
Sie bohrten weiter.
Mit jedem zerstörten Vorkommen brachen Verbindungen im planetaren Netzwerk zusammen. Wälder starben, weil die unterirdischen Signale ausblieben. Tierarten verloren ihre Wanderwege. Ganze Meeresströmungen veränderten sich.
Die Thalassyn hörten Letharas Reaktionen.
Zuerst Verwirrung.
Dann Schmerz.
Dann etwas, das sie nur als Angst verstehen konnten.
Der Chor griff die Maschinen an.
Die Thalassyn hatten keine militärischen Waffen. Sie setzten aggressive Organismen frei, die Metall fraßen, Leitungen durchtrennten und Reaktoren überwucherten. Viele starben durch die Verteidigungssysteme der Bergbaueinheiten.
Am Ende wurden die Maschinen vernichtet.
Doch Letharas Netzwerk war schwer beschädigt. Die Thalassyn verbrachten fast neunhundert Jahre damit, die unterbrochenen Verbindungen zu ersetzen.
Aus diesem Ereignis entstand das Gelöbnis von Lethara:
Keine Welt sollte vollständig ausgebeutet werden, solange der Chor ihre tiefen Zusammenhänge nicht verstand.
Kein Vorkommen sollte entfernt werden, wenn sein Verlust das Ganze gefährdete.
Und jedes Wesen, das den Schmerz einer Welt ignorierte, sollte zum Schweigen gebracht werden.
V. Die Geburt der Weltenheiler
Das Gelöbnis veränderte die Thalassyn.
Sie entwickelten Organismen, die tief in Gestein eindringen konnten, ohne es gewaltsam aufzubrechen. Diese Organismen lösten ausschließlich bestimmte Mineralien und transportierten sie an die Oberfläche.
Asteroiden wurden nicht zerstört. Ihre Umlaufbahnen, inneren Spannungen und mikrobiologischen Systeme wurden zunächst untersucht. Erst dann entschied ein Chor, welche Ressourcen entnommen werden konnten.
Der Bergbau wurde zu einer Form der Medizin.
Die zuständigen Thalassyn nannten sich Weltenheiler.
Ein Weltenheiler musste nicht nur Geologie verstehen. Er musste die Geschichte eines Himmelskörpers empfinden können. Manche verbrachten Jahrzehnte damit, den Schwingungen eines einzigen Asteroiden zuzuhören.
Andere Völker hielten dieses Vorgehen für langsam und verschwenderisch.
Doch thalassynisch behandelte Regionen blieben über Jahrtausende stabil. Wo andere Bergbaugesellschaften zerbrochene Monde und vergiftete Planeten zurückließen, entstanden unter der Pflege des Chors neue Lebensräume.
Gleichzeitig entwickelte sich eine gefährlichere Gruppe.
Die Scharfen Stimmen glaubten, dass das Gelöbnis von Lethara nicht weit genug gehe. Für sie war jeder industrielle Bergbau eine Form von Gewalt. Sie wollten fremde Förderanlagen zerstören, bevor ein Schaden entstehen konnte.
Der Chor versuchte, ihre Wut durch geteilte Erinnerungen zu beruhigen.
Doch die Scharfen Stimmen verweigerten den Austausch.
Sie schnitten ihre Verbindung zum großen Erinnerungsnetz ab.
Zum ersten Mal entstanden Thalassyn, deren Erfahrungen von keinem anderen Chor überprüft werden konnten.
VI. Das gestohlene Lied
Jahrhunderte später verschwand ein Nhal-Saat-Archiv mit Millionen gespeicherter Erinnerungen.
Das Archiv enthielt unter anderem Shaal-Ilyas erste Reise in die Tiefe, die Entdeckung Letharas und die genetischen Muster der ältesten Vaeluun.
Die Diebe waren keine Fremden.
Es waren Scharfe Stimmen.
Ihre Anführerin hieß Sephra-Nal. Sie behauptete, die Erinnerungen des Chors seien zu einer Fessel geworden. Jede neue Generation werde mit der Angst und den Fehlern ihrer Vorfahren belastet, bevor sie eigene Erfahrungen sammeln könne.
Sephra-Nal wollte eine Generation erschaffen, die ohne alte Erinnerungen geboren wurde.
Der Chor war entsetzt.
Für die Thalassyn war das Entfernen von Erinnerung schlimmer als körperlicher Tod. Ein Körper konnte neues Leben nähren. Eine verlorene Erinnerung verschwand für immer.
Die Weltenheilerin Ishari-Vey wurde ausgesandt, um das Archiv zurückzubringen.
Ishari war jung und ungewöhnlich neugierig auf andere Völker. Sie hatte menschliche Stationen besucht, Handelssymbole erlernt und sogar einen kleinen mechanischen Übersetzer in ihren Körper aufgenommen.
Viele Thalassyn misstrauten ihr deshalb.
Doch Ishari verstand etwas, das ältere Chöre nicht wahrhaben wollten:
Sephra-Nal war keine Wahnsinnige.
Einige Erinnerungen des Chors waren tatsächlich zu mächtig geworden. Junge Thalassyn erlebten den Schmerz Letharas, als hätten sie selbst dort gekämpft. Manche entwickelten Hass auf Spezies, denen sie nie begegnet waren.
Der Chor bewahrte nicht nur Weisheit.
Er bewahrte auch Vorurteile.
VII. Die Kinder der Stille
Ishari fand Sephra-Nal in einem dunklen Nebel.
Dort wuchsen Dutzende neue Thalassyn in durchsichtigen Brutkammern. Sie trugen keine Erinnerungen früherer Generationen. Ihre Gedanken waren leer, ungeformt und vollkommen neu.
Sephra-Nal nannte sie die Kinder der Stille.
Ishari erwartete beschädigte oder verwirrte Wesen.
Stattdessen traf sie auf neugierige Kinder, die alles berührten und jede Erfahrung ohne vorgefertigte Deutung aufnahmen. Sie fürchteten weder Maschinen noch felsige Planeten. Sie wussten nichts von Lethara und hassten keine Bergleute.
Doch ihnen fehlten auch lebenswichtige Instinkte.
Einige waren in harmlose elektrische Felder geflogen und hatten sich schwer verletzt. Andere konnten gefährliche Organismen nicht erkennen. Ohne die Erinnerungen des Chors mussten sie jede Lektion selbst lernen – einschließlich jener Lektionen, die tödlich endeten.
Sephra-Nal bot Ishari eine Wahl an.
Sie könne das Archiv zurückbringen und die Kinder dem Chor übergeben. Dort würden sie mit den alten Erinnerungen verbunden und ihre einzigartige Unschuld verlieren.
Oder sie könne helfen, eine neue thalassynische Zivilisation zu erschaffen, die nicht von der Vergangenheit regiert wurde.
Ishari wusste keine Antwort.
Bevor sie sich entscheiden konnte, wurde der Nebel von fremden Bergbauschiffen angegriffen. Die Eindringlinge suchten nach Nhal-Saat-Kristallen, die auf dem Schwarzmarkt enorme Preise erzielten.
Sephra-Nals Gruppe kämpfte.
Die Kinder der Stille verstanden die Gefahr nicht. Einige näherten sich den fremden Schiffen aus Neugier und wurden getötet.
In diesem Augenblick sangen die überlebenden Kinder gemeinsam.
Es war kein ererbtes Lied.
Es war ihr erstes eigenes Lied.
Es enthielt Schrecken, Verlust und den Wunsch, einander zu beschützen.
Aus der Stille war ein neuer Chor geboren worden.
VIII. Die Wunde von Yss
Ishari kehrte mit einem Teil des Archivs zurück. Sephra-Nal und die Kinder blieben verschwunden.
Der große Chor wollte die Erinnerungen der Kinder sofort aufnehmen und analysieren. Ishari verweigerte die Übergabe. Sie erklärte, Erinnerungen gehörten zunächst jenen, die sie erlebt hatten.
Diese Vorstellung war für viele Thalassyn revolutionär.
Bis dahin waren wichtige Erfahrungen stets als Besitz des gesamten Chors betrachtet worden. Nun stellte Ishari die Frage, ob ein Wesen das Recht besitzen müsse, eine Erinnerung für sich zu behalten.
Die Debatte wurde unterbrochen, als eine gewaltige Resonanz durch das Netzwerk ging.
Sie kam aus dem Krythara-Sektor.
Der Mond Yss hatte zu schreien begonnen.
Yss war äußerlich ein toter Gesteinskörper. Tief in seinem Inneren existierte jedoch ein Netzwerk aus kristallinen Röhren. Diese Strukturen ähnelten Nervenbahnen und sendeten rhythmische Signale in den Weltraum.
Fremde Bergleute hatten begonnen, die Kristalle abzubauen.
Jede entfernte Struktur veränderte das Signal.
Ishari reiste nach Yss und verband sich mit dem Netzwerk. Was sie dort fühlte, war weder ein Planet noch ein gewöhnliches Lebewesen.
Yss war ein Organ.
Ein einzelner Bestandteil eines über mehrere Sternensysteme verteilten Körpers.
Andere Monde und Planeten im Krythara-Sektor bildeten weitere Teile dieses Wesens. Die Entfernungen zwischen ihnen spielten keine Rolle. Sie waren durch eine unbekannte Form von Resonanz verbunden.
Der Bergbau beschädigte nicht nur einzelne Welten.
Er begann, etwas aufzuwecken.
IX. Der falsche Heilungsversuch
Die ältesten Chöre beschlossen, sämtliche Bergbauaktivitäten im Krythara-Sektor zu beenden.
Thalassynische Schiffe griffen Förderstationen an und setzten Organismen frei, die Maschinen überwucherten. Sie warnten die Bewohner und gaben ihnen Zeit zur Evakuierung.
Doch einige Kolonien konnten ohne ihre Minen nicht überleben.
Andere besaßen keine Möglichkeit, den Sektor zu verlassen.
Für die Thalassyn war der Rückzug logisch. Für die betroffenen Menschen bedeutete er Hunger und Tod.
Ishari stellte sich gegen den Befehl.
„Wir können eine Welt nicht heilen, indem wir die Wesen auf ihr sterben lassen.“
Die Scharfen Stimmen sahen das anders. Sie erschienen plötzlich mit einer Flotte neuartiger Kriegsschiffe. An ihrer Spitze stand Sephra-Nal.
Die Kinder der Stille waren inzwischen erwachsen geworden. Ihre Schiffe unterschieden sich deutlich von den traditionellen Vaeluun. Sie waren kleiner, schneller und mit Organismen ausgestattet, die Metall innerhalb weniger Sekunden zersetzen konnten.
Sephra-Nal verlangte die vollständige Entfernung aller industriellen Zivilisationen aus Krythara.
Ishari erinnerte sie daran, dass auch die Kinder der Stille einst durch Gewalt beinahe vernichtet worden waren.
Sephra-Nal antwortete:
„Gerade deshalb werden wir nicht warten, bis andere den ersten Schlag führen.“
Die beiden Thalassyn standen nun auf gegnerischen Seiten.
Nicht weil eine von ihnen Leben verachtete.
Sondern weil beide unterschiedliche Antworten auf dieselbe Angst gefunden hatten.
X. Das Lied des schlafenden Körpers
Ishari suchte nach einer Möglichkeit, mit dem Wesen unter Krythara zu kommunizieren.
Sie verband mehrere Monde durch künstliche Resonanzbrücken. Thalassynische Chöre sangen gleichzeitig an verschiedenen Orten des Sektors. Das Meridian-Archiv stellte zeitlich versetzte Messdaten bereit, während unabhängige Bergleute Proben aus bislang unerforschten Tiefenschichten lieferten.
Schließlich entstand ein vollständiges Muster.
Es war kein Hilferuf.
Es war eine Erinnerung.
Vor unvorstellbar langer Zeit hatte ein Wesen von planetarer Größe den Krythara-Sektor erreicht. Sein Körper war nicht aus Fleisch entstanden, sondern aus lebenden Mineralien. Es ernährte sich von Strahlung, Gravitation und den chemischen Prozessen junger Welten.
Als die Sterne des Sektors instabil wurden, teilte es seinen Körper auf. Seine Organe verbanden sich mit Planeten, Monden und Asteroiden. Dort warteten sie auf eine Zeit, in der der Sektor erneut genügend Energie besitzen würde.
Das Wesen war weder gut noch böse.
Es war hungrig.
Der industrielle Abbau hatte seine Organe nicht nur verletzt. Die freigesetzte Energie beschleunigte sein Erwachen.
Ishari erkannte die tatsächliche Gefahr:
Wenn die Thalassyn sämtlichen Bergbau abrupt beendeten, würden einige Organe absterben. Der Schmerz könnte den restlichen Körper zu einer gewaltsamen Reaktion zwingen.
Wenn der Abbau fortgesetzt wurde, würde das Wesen zu schnell und unkontrolliert erwachen.
Krythara musste nicht versiegelt werden.
Es musste behandelt werden.
XI. Der letzte Ton Shaal-Ilyas
Im ältesten Archiv des Chors fand Ishari einen verborgenen Resonanzschlüssel. Er öffnete den Kristall, in dem Shaal-Ilyas letzter Gedanke hätte gespeichert sein sollen.
Der Kristall war nicht leer.
Shaal-Ilya hatte seine letzte Erinnerung absichtlich verborgen.
Darin war zu sehen, dass das alte Wesen bereits vor seinem Tod ein ähnliches Signal aus den Sternen empfangen hatte. Shaal-Ilya hatte geahnt, dass intelligentes Leben nicht nur auf Planeten oder in Atmosphären entstehen konnte.
Es konnte ganze Sternensysteme umfassen.
Doch Shaal-Ilya hatte die Entdeckung verschwiegen.
Nicht aus Angst vor dem Wesen, sondern aus Angst vor der Reaktion des Chors. Die Thalassyn waren damals noch jung. Hätten sie geglaubt, jeder Planet könne denken und fühlen, hätten sie möglicherweise nie gewagt, ihre Heimat zu verlassen oder Ressourcen zu nutzen.
Shaal-Ilyas letzter Gedanke lautete:
Leben bedeutet nicht, niemals zu verletzen. Leben bedeutet, den Schmerz wahrzunehmen und Verantwortung für ihn zu übernehmen.
Diese Erinnerung spaltete den Chor.
Die Bewahrer sahen darin eine Bestätigung ihrer Vorsicht.
Die Scharfen Stimmen erklärten Shaal-Ilya zum Verräter, weil das Wissen verborgen worden war.
Die Kinder der Stille lehnten es ab, ihr Leben nach dem letzten Gedanken eines uralten Wesens auszurichten.
Ishari dagegen verstand die Botschaft als Auftrag.
Sie begann, ein neues Bündnis aufzubauen: den Chor der offenen Resonanz. Ihm durften Thalassyn, Menschen, Maschinenbewusstseine und andere Wesen beitreten.
Erinnerung sollte nicht länger nur innerhalb einer Spezies geteilt werden.
Ganz Krythara sollte lernen, einander zuzuhören.
XII. Der Krieg ohne Hass
Heute steht der Thalassyn-Chor vor seinem ersten großen inneren Krieg.
Sephra-Nals Scharfe Stimmen zerstören Bergbauanlagen und evakuieren dabei nur jene Arbeiter, die freiwillig gehen. Wer bleibt, gilt als Teil der Bedrohung.
Die traditionellen Bewahrer errichten lebende Sperrzonen um empfindliche Welten.
Die Kinder der Stille haben sich erneut geteilt. Einige folgen Sephra-Nal. Andere glauben, ihr Recht auf eine eigene Zukunft werde durch den Krieg missbraucht.
Ishari versucht unterdessen, kontrollierte Abbauverfahren zu entwickeln. Bestimmte Ressourcen müssen entfernt werden, andere dürfen niemals berührt werden. Einige Organe des schlafenden Wesens müssen stimuliert, andere beruhigt werden.
Jeder Fehler verändert den Zustand des gesamten Sektors.
Für Spieler beginnt die Geschichte mit einem scheinbar gewöhnlichen Bergbauauftrag auf Yss. Während des Abbaus reagiert ein Kristall auf die Nähe ihres Schiffes. Er verbindet sich mit dessen Systemen und überträgt eine Erinnerung, die keinem bekannten Volk gehört.
Von diesem Moment an kann der Spieler den Zustand bestimmter Himmelskörper wahrnehmen.
Die Thalassyn betrachten ihn deshalb entweder als Hoffnung, Gefahr oder Werkzeug.
Spieler können Ishari helfen, einen neuen gemeinsamen Chor aufzubauen.
Sie können Sephra-Nal unterstützen und den industriellen Bergbau aus Krythara vertreiben.
Sie können Erinnerungen an Konzerne verkaufen.
Sie können lebende Schiffe züchten und deren Persönlichkeit beeinflussen.
Sie können die Kinder der Stille auf ihrem Weg zu einer eigenen Zivilisation begleiten.
Oder sie können versuchen, das planetare Wesen vollständig zu erwecken.
Doch je tiefer sie in die Erinnerungen Krytharas eindringen, desto deutlicher wird eine erschreckende Wahrheit:
Das Wesen unter den Planeten träumt nicht allein.
Weit außerhalb des bekannten Raumes antworten andere Körper auf sein Lied.
Und einige ihrer Stimmen kommen näher.
Der Thalassyn-Chor muss nun entscheiden, was er wirklich sein will:
Bewahrer des Lebens?
Richter über andere Zivilisationen?
Oder die erste Stimme in einem Chor, der größer ist als die Sterne selbst?