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Stimme und Tempo
Das Meridian-Archiv – Die Zukunft, die nicht geschehen durfte
Prolog: Der Mann, der zweimal starb
Der erste Mensch, der den Meridian durchquerte, hieß Doktor Cael Oridan.
Beim ersten Mal kehrte er nach sieben Sekunden zurück.
Beim zweiten Mal kehrte er nie zurück.
Beides geschah am selben Tag.
Die Überwachungsaufnahmen zeigten, wie Oridan die Experimentierkammer betrat. Das ringförmige Gerät wurde aktiviert. Raum und Licht krümmten sich um seinen Körper.
Sieben Sekunden später erschien Oridan wieder.
Er fiel zu Boden, rang nach Luft und verlangte, dass das Experiment sofort abgebrochen werde.
Bevor die Wissenschaftler reagieren konnten, öffnete sich der Ring ein zweites Mal.
Eine andere Version von Oridan stand darin.
Dieser zweite Oridan war mehrere Jahrzehnte älter. Seine Kleidung bestand aus unbekanntem Material. Auf seiner Haut befanden sich goldene Linien, die sich langsam bewegten.
Er blickte auf sein jüngeres Selbst.
Dann sagte er:
„Ihr habt nicht die Zukunft geöffnet. Ihr habt ihr gezeigt, wo wir sind.“
Der ältere Oridan zerfiel zu weißem Staub.
Der jüngere starb wenige Sekunden später an Organversagen.
Am folgenden Morgen waren beide Leichen verschwunden.
Niemand erinnerte sich daran, sie fortgebracht zu haben.
Nur die Aufzeichnungen bewiesen, dass die beiden Männer jemals existiert hatten.
So begann das Meridian-Archiv.
I. Das Projekt Morgenlicht
Die ursprüngliche Zivilisation des Archivs nannte sich Asterische Union.
Sie war weder besonders kriegerisch noch besonders mächtig. Ihre Welten waren wohlhabend, wissenschaftlich fortgeschritten und politisch weitgehend stabil.
Das größte Problem der Union war nicht das Überleben.
Es war Unsicherheit.
Regierungen wollten wissen, welche Entscheidungen langfristig erfolgreich sein würden. Unternehmen wollten Märkte vorhersagen. Ärzte wollten Krankheiten erkennen, bevor Symptome auftraten. Militärs wollten Angriffe verhindern, bevor ein Feind sie plante.
Aus diesem Wunsch entstand das Projekt Morgenlicht.
Seine Wissenschaftler versuchten nicht, durch die Zeit zu reisen. Sie wollten Informationen aus möglichen Zukünften empfangen.
Das zentrale Gerät wurde auf der Forschungsstation Meridian errichtet. Es erzeugte ein Feld, in dem winzige Teilchen mit ihren eigenen zukünftigen Zuständen wechselwirkten.
Die ersten Versuche waren harmlos.
Ein Computer zeigte das Ergebnis eines Würfelwurfs zwei Sekunden vor dem eigentlichen Wurf an.
Später wurden es Minuten.
Dann Stunden.
Bald konnte das System Wahrscheinlichkeiten für ganze Ereignisse berechnen. Es sagte Unfälle voraus, erkannte politische Krisen und warnte vor Naturkatastrophen.
Millionen Menschenleben wurden gerettet.
Die Asterische Union glaubte, das größte Werkzeug ihrer Geschichte erschaffen zu haben.
Niemand bemerkte, dass mit jeder korrekten Vorhersage andere Möglichkeiten verschwanden.
II. Das Ende des Zufalls
Das Morgenlicht-System wurde ausgebaut.
Jede größere Entscheidung der Union wurde fortan von Prognosen begleitet. Sollte eine neue Stadt gebaut werden? Welche Behandlung sollte ein Patient erhalten? Wen sollte ein Mensch heiraten? Welchen Beruf sollte ein Kind erlernen?
Zunächst waren die Vorhersagen freiwillig.
Doch Menschen, die den Empfehlungen folgten, waren erfolgreicher. Unternehmen stellten nur noch Bewerber ein, deren Zukunftsprofile hohe Leistung versprachen. Versicherungen verweigerten Kunden mit ungünstigen Wahrscheinlichkeiten ihre Verträge.
Schließlich konnte kaum jemand noch frei entscheiden, ohne dafür bestraft zu werden.
Ein junger Musiker namens Eran Vale erhielt die Prognose, dass seine Werke niemals bedeutenden Erfolg haben würden. Ihm wurde geraten, Reaktortechniker zu werden.
Er folgte der Empfehlung.
Vierzig Jahre lang lebte er sicher und wohlhabend.
Am Tag seines Todes schrieb er in sein öffentliches Profil:
„Das System hat mir das bestmögliche Leben gegeben. Ich wünschte nur, es wäre meines gewesen.“
Dieser Satz verbreitete sich in der gesamten Union.
Eine Bewegung namens Die Unberechenbaren entstand. Ihre Anhänger verweigerten Zukunftsanalysen und trafen Entscheidungen durch Zufall. Manche wechselten ohne Grund ihre Berufe. Andere reisten spontan auf fremde Planeten oder würfelten sogar über wichtige politische Fragen.
Für die Regierung waren sie gefährlich.
Nicht weil sie gewalttätig waren, sondern weil das Morgenlicht-System sie nicht zuverlässig berechnen konnte.
Jeder unvorhersehbare Mensch erzeugte Tausende neue mögliche Verläufe.
Je größer die Bewegung wurde, desto weniger genau wurden die Prognosen.
Die Regierung begann, ihre Mitglieder zu überwachen.
III. Die einzige perfekte Zukunft
Unter der Leitung von Direktorin Selene Veyr entwickelte Morgenlicht schließlich eine Prognose über 500 Jahre.
Das Ergebnis schockierte die Union.
In fast allen berechneten Zukünften kam es früher oder später zu Krieg, wirtschaftlichem Zusammenbruch oder ökologischem Verfall.
Nur eine einzige Zukunft zeigte dauerhafte Stabilität.
Diese Zeitlinie erhielt die Bezeichnung Meridian Null.
In Meridian Null existierten keine großen Kriege. Krankheiten waren fast vollständig besiegt. Ressourcen wurden effizient verteilt. Milliarden Menschen lebten in Sicherheit.
Doch diese Zukunft erforderte eine lückenlose Steuerung sämtlicher gesellschaftlicher Entscheidungen.
Jedes Kind musste den optimalen Bildungsweg erhalten.
Jeder Bürger musste dort leben, wo seine Fähigkeiten den größten Nutzen erzeugten.
Bestimmte Beziehungen durften nicht entstehen.
Bestimmte Menschen durften keine Kinder bekommen.
Bestimmte Ideen durften niemals verbreitet werden.
Direktorin Veyr stand vor einer Entscheidung.
Sie konnte die Prognose veröffentlichen und eine politische Debatte auslösen. Laut Morgenlicht hätte diese Debatte jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit Meridian Null zerstört.
Oder sie konnte heimlich beginnen, die Gesellschaft in Richtung der perfekten Zukunft zu lenken.
Sie entschied sich für die zweite Möglichkeit.
Damit wurde die Zukunft zum Gesetz, lange bevor irgendjemand davon wusste.
IV. Die Wächter des Morgens
Veyr gründete eine geheime Organisation: die Wächter des Morgens.
Ihre Aufgabe bestand darin, Ereignisse zu verhindern, die Meridian Null gefährdeten.
Anfangs manipulierten sie nur kleine Dinge. Ein Zug verspätete sich, damit zwei Menschen einander nicht begegneten. Eine Bewerbung ging verloren. Ein Forschungsgeld wurde einem anderen Institut zugesprochen.
Später verschwanden Menschen.
Einige hätten laut Prognose in Jahrzehnten gefährliche Bewegungen gegründet. Andere wären Vorfahren zukünftiger Diktatoren geworden. Manche hatten noch nichts getan und wussten nicht einmal, was sie angeblich tun würden.
Zu den jüngsten Analysten der Wächter gehörte Liora Sen.
Liora konnte Wahrscheinlichkeitsmodelle auf eine Weise verstehen, die selbst erfahrene Wissenschaftler überraschte. Für sie waren Zukunftsverläufe keine Tabellen. Sie erschienen wie verzweigte Landschaften, deren Wege sie intuitiv überblickte.
Liora glaubte zunächst an Meridian Null.
Dann erhielt sie den Auftrag, den Tod eines sechsjährigen Kindes vorzubereiten.
Das Mädchen hieß Nemi Aras. Nach den Prognosen würde Nemi später eine Antriebstechnologie entwickeln, die interstellare Reisen revolutionierte. Dieselbe Technologie sollte jedoch 183 Jahre nach ihrem Tod in einem Krieg eingesetzt werden.
Milliarden Menschen würden sterben.
Nemi selbst war unschuldig.
Liora suchte nach anderen Lösungen. Sie veränderte einzelne Parameter, simulierte alternative Lebenswege und versuchte, die spätere militärische Nutzung der Technologie zu verhindern.
Jeder Weg endete entweder im Krieg oder entfernte die Union von Meridian Null.
Der Befehl war eindeutig.
Nemi musste sterben.
Liora ging zum vorgesehenen Ort. Sie sah das Mädchen in einem Park spielen. In diesem Augenblick traf sie eine Entscheidung, die das System nicht vorhergesagt hatte.
Sie rettete Nemi.
V. Der blinde Fleck
Liora floh mit dem Kind.
Die Wächter verfolgten sie durch mehrere Systeme, doch ihre Prognosen versagten plötzlich. Jede Simulation, die Liora enthielt, zerfiel in widersprüchliche Ergebnisse.
Sie war zu einem blinden Fleck geworden.
Auf der Flucht traf sie Mitglieder der Unberechenbaren. Diese hatten herausgefunden, dass spontane Entscheidungen die Vorhersagen des Morgenlichts erschweren konnten. Sie kommunizierten mit zufällig erzeugten Codes, änderten ständig ihre Routen und ließen wichtige Entscheidungen von Personen treffen, die keine vollständigen Informationen besaßen.
Liora brachte Nemi zu ihnen.
Danach kehrte sie freiwillig nach Meridian zurück.
Sie wollte herausfinden, warum sie nicht mehr vorhergesagt werden konnte.
Direktorin Veyr ließ sie festnehmen, aber nicht hinrichten. Lioras Unberechenbarkeit war wissenschaftlich zu wertvoll.
Bei den Untersuchungen entdeckten die Forscher etwas Unmögliches:
Liora besaß Erinnerungen an Ereignisse, die nie stattgefunden hatten.
Sie erinnerte sich daran, Nemi im Park sterben gesehen zu haben.
Sie erinnerte sich an eine Zukunft, in der sie den Auftrag verweigert hatte.
Sie erinnerte sich an ihre eigene Hinrichtung.
Mehrere mögliche Versionen ihres Lebens existierten gleichzeitig in ihrem Bewusstsein.
Morgenlicht hatte nicht nur Informationen aus der Zukunft gelesen.
Das System hatte die Grenzen zwischen möglichen Zeitlinien beschädigt.
VI. Der Krieg der ungelebten Leben
Als die Wahrheit öffentlich wurde, brach die Asterische Union auseinander.
Millionen Menschen verlangten zu erfahren, welche anderen Leben sie hätten führen können. Sie wollten wissen, welche Entscheidungen durch das System manipuliert worden waren.
Die Zentralregierung verweigerte die Freigabe der Daten. Laut Morgenlicht würde ihre Veröffentlichung in 97 Prozent aller Zukunftsverläufe zu einem Bürgerkrieg führen.
Daraufhin stürmten die Unberechenbaren mehrere Archive.
Die veröffentlichten Informationen lösten Chaos aus.
Menschen erfuhren von Kindern, die nie geboren worden waren. Von Beziehungen, die verhindert wurden. Von Karrieren, Kunstwerken und Entdeckungen, die Meridian Null geopfert hatte.
Einige wollten diese verlorenen Möglichkeiten wiederherstellen.
Andere hielten an der sicheren Zukunft fest.
Der Konflikt wurde als Krieg der ungelebten Leben bekannt.
Es war kein gewöhnlicher Krieg. Beide Seiten versuchten, nicht nur Gebiete zu kontrollieren, sondern zukünftige Ereignisse.
Attentate wurden verübt, um Angriffe zu verhindern, die erst Jahre später geplant worden wären. Flotten änderten ihre Positionen aufgrund von Schlachten, die möglicherweise niemals stattfanden. Menschen wurden für Verbrechen verurteilt, die sie in alternativen Zeitlinien begangen hatten.
Nemi Aras, inzwischen erwachsen, entwickelte tatsächlich den vorhergesagten neuen Antrieb.
Doch statt ihn einer Seite zu übergeben, verband sie ihn mit der Meridian-Anlage.
Sie wollte die miteinander kollidierenden Zeitlinien voneinander trennen.
Liora versuchte, sie aufzuhalten.
Sie hatte inzwischen Tausende mögliche Ergebnisse gesehen.
In manchen rettete Nemi die Union.
In anderen zerstörte sie das gesamte System.
Zum ersten Mal konnte Liora nicht erkennen, welcher Weg richtig war.
Nemi aktivierte den Antrieb.
VII. Die Weiße Sekunde
Der Zusammenbruch dauerte exakt eine Sekunde.
Später nannten die Überlebenden sie die Weiße Sekunde.
Innerhalb dieses Augenblicks existierten alle möglichen Versionen der Asterischen Union gleichzeitig.
Planeten waren bewohnt und unbewohnt.
Menschen lebten, starben, wurden geboren und existierten nie.
Kriege begannen und endeten.
Sterne leuchteten und waren längst erloschen.
Jeder Mensch erlebte zahllose Versionen seines eigenen Lebens.
Manche sahen sich als Helden.
Andere als Mörder.
Eltern trafen Kinder, die nie geboren worden waren. Einsame Menschen erinnerten sich an jahrzehntelange Ehen, die in ihrer Realität nie begonnen hatten.
Dann endete die Sekunde.
Die Union war verschwunden.
An ihrer Stelle existierten nur noch sieben große Raumstationen, die in einem leeren System schwebten. Die umliegenden Planeten waren unbewohnt. Milliarden Menschen hatten niemals existiert.
Die Bewohner der Stationen besaßen widersprüchliche Erinnerungen. Manche erinnerten sich an den Krieg. Andere kannten eine friedliche Union. Einige glaubten, seit Jahrhunderten auf den Stationen gelebt zu haben.
Nur drei Personen erinnerten sich an fast alle Zeitlinien:
Direktorin Selene Veyr.
Liora Sen.
Und Nemi Aras.
Nemi starb kurz nach der Weißen Sekunde.
Ihre letzten Worte lauteten:
„Ich habe die Zukunft nicht zerstört. Ich habe sie befreit.“
VIII. Die Gründung des Archivs
Die Überlebenden wussten nicht mehr, welche Vergangenheit wahr war.
Um nicht vollständig den Verstand zu verlieren, begannen sie, ihre Erinnerungen zu sammeln. Jede Version eines Ereignisses wurde dokumentiert. Widersprüche wurden nicht gelöscht, sondern nebeneinander aufbewahrt.
So entstand das Meridian-Archiv.
Sein erster Grundsatz lautete:
Eine Erinnerung muss nicht geschehen sein, um Bedeutung zu besitzen.
Selene Veyr übernahm erneut die Führung. Sie argumentierte, nur strenge Kontrolle könne eine weitere Weiße Sekunde verhindern.
Liora widersprach.
Sie wollte, dass die Überlebenden selbst über ihre Zukunft entschieden.
Die Bevölkerung war jedoch erschöpft. Viele Menschen konnten Realität und Möglichkeit kaum noch auseinanderhalten. Einige wachten jeden Morgen mit Erinnerungen an ein anderes Leben auf.
Sie verlangten Sicherheit.
Veyr errichtete die ersten Kalkulatorien. Diese Einrichtungen sollten mögliche Zeitlinien beobachten und gefährliche Überschneidungen verhindern.
Anders als Morgenlicht sollten sie angeblich keine perfekte Zukunft erzwingen.
Sie sollten nur Katastrophen vermeiden.
Doch mit jedem Jahr erhielten die Kalkulatorien mehr Macht.
Aus Empfehlungen wurden Richtlinien.
Aus Richtlinien wurden Pfade.
Aus Pfaden wurden unumstößliche Dekrete.
Das Archiv wiederholte den Fehler der Asterischen Union – diesmal in dem Glauben, ihn besser zu verstehen.
IX. Die Menschen außerhalb der Zeit
Die Weiße Sekunde hatte die Körper der Überlebenden verändert.
Einige alterten unregelmäßig. Andere verschwanden für Minuten oder Tage und kehrten zurück, ohne Zeit wahrgenommen zu haben. Kinder erinnerten sich an ihre eigenen möglichen Nachkommen.
Die auffälligsten Veränderungen betrafen die Augen. In ihnen erschienen goldene Linien, die sich abhängig von den betrachteten Möglichkeiten bewegten.
Diese Menschen nannten sich schließlich Meridiane.
Sie entwickelten Technologien, die für andere Völker wie Magie wirkten.
Phasenantriebe bewegten Schiffe nicht durch den Raum. Sie wählten eine nahe Möglichkeit aus, in der sich das Schiff bereits an einem anderen Ort befand.
Wahrscheinlichkeitswaffen beschädigten ihre Ziele nicht direkt. Sie erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass vorhandene Defekte gleichzeitig auftraten.
Kausalglas speicherte Gegenstände in einem Zustand zwischen Existenz und Nichtexistenz.
Anachronit konnte Energie aus einem Prozess gewinnen, der erst in der Zukunft abgeschlossen wurde.
Doch jede Nutzung dieser Technologien hatte einen Preis.
Ein Schiff konnte sich an Schlachten erinnern, an denen es nie teilgenommen hatte. Ein Pilot konnte nach einem Phasensprung feststellen, dass seine Familie in der neuen Zeitlinie nie existiert hatte.
Deshalb wurden sämtliche Technologien streng vom Archiv kontrolliert.
Nur speziell ausgebildete Kuratoren durften Veränderungen an der Wirklichkeit genehmigen.
Liora Sen wurde zur ersten Kuratorin.
Sie nahm den Titel an, um das System von innen zu begrenzen.
X. Die verbotene Zukunft
Jahrhunderte nach der Gründung empfingen die Kalkulatorien ein neues Signal.
Es kam aus Krythara.
Zum ersten Mal seit der Weißen Sekunde konnten die Systeme keine stabilen Zukunftsverläufe erzeugen. Jede Berechnung des Sektors endete an demselben Zeitpunkt.
Dem Schwarzen Meridian.
Was danach geschah, war nicht sichtbar.
Es gab keine berechenbaren Ereignisse, keine Wahrscheinlichkeiten und keine alternativen Verläufe. Für das Archiv wirkte es, als würde nach diesem Moment die Zukunft selbst aufhören zu existieren.
Selene Veyr lebte noch immer.
Ihr Körper war über Jahrhunderte durch Zeitfelder erhalten worden. Für sie waren außerhalb ihrer Kammer Tausende Jahre vergangen, während sie selbst nur wenige Jahrzehnte erlebt hatte.
Veyr erklärte Krythara zur höchsten Priorität des Archivs.
Expeditionen wurden ausgesandt, um den Ursprung des Schwarzen Meridians zu finden. Sie entdeckten Anachronit, Kausalglas und weitere Stoffe, die normalerweise nur beim Zusammenbruch von Zeitlinien entstehen.
Das bedeutete, dass Krythara nicht erst in Zukunft von einer temporalen Katastrophe getroffen werden würde.
Teile dieser Katastrophe waren bereits geschehen.
Nur noch nicht in der Gegenwart.
XI. Der Kurator ohne Vergangenheit
Der erste Leiter der Krythara-Expedition hieß Kurator Oryn Vale.
Laut den Archiven war Oryn auf einer der sieben Meridian-Stationen geboren worden. Er hatte die höchste Ausbildung durchlaufen, zahlreiche Zeitinstabilitäten geschlossen und galt als vollkommen loyal.
Doch als Oryn Krythara erreichte, fand er in einer verlassenen Ruine eine Statue von sich selbst.
Die Statue war Millionen Jahre alt.
Unter ihr befand sich eine Inschrift in einer Sprache, die er nie gelernt hatte und trotzdem lesen konnte:
Hier wartet Oryn Vale auf seine Geburt.
Hinter der Statue lag ein Archiv mit persönlichen Aufzeichnungen. Darin sprach eine ältere Version von Oryn über Ereignisse, die noch nicht stattgefunden hatten.
Diese Version erklärte, dass der Schwarze Meridian keine Naturkatastrophe sei.
Er sei eine Entscheidung.
In einer möglichen Zukunft würde das Meridian-Archiv versuchen, sämtliche unkontrollierbaren Zeitlinien zu einer einzigen stabilen Realität zu vereinen. Dabei würden nicht nur alternative Möglichkeiten verschwinden. Jede Zivilisation müsste jener Version weichen, die das Archiv als optimal bewertete.
Unzählige mögliche Menschen, Kulturen und Welten würden ausgelöscht.
Nicht durch Krieg.
Nicht durch eine Explosion.
Sondern dadurch, dass sie rückwirkend niemals existiert hätten.
Der ältere Oryn behauptete, diese Zukunft bereits erlebt zu haben. Er sei in die Vergangenheit gereist, um sie zu verhindern. Dabei habe er seine eigene Zeitlinie zerstört.
Der gegenwärtige Oryn war keine jüngere Version von ihm.
Er war der Ersatz, den die Wirklichkeit erzeugt hatte, um die entstandene Lücke zu schließen.
XII. Die Tochter aus einer verlorenen Welt
Während Oryn die Aufzeichnungen untersuchte, entdeckte seine Expedition ein treibendes Schiff.
Es besaß keine bekannte Bauweise. In seinem Inneren befand sich ein einziges junges Mädchen namens Aven.
Aven behauptete, von einem bewohnten Planeten namens Sorya zu stammen. Niemand im Krythara-Sektor kannte diesen Planeten. Auch das Meridian-Archiv besaß keine Aufzeichnungen über ihn.
Doch Aven konnte genaue Sternenkarten vorlegen.
An der angegebenen Position befand sich nur ein Asteroidenfeld.
Eine Analyse ihres Körpers zeigte, dass sie vollständig real war. Gleichzeitig stammte ein Teil ihrer Materie aus einer nicht mehr existierenden Zeitlinie.
Aven war die letzte Überlebende einer ausgelöschten Welt.
Sie erinnerte sich daran, wie sich der Himmel über Sorya in weißes Licht verwandelte. Gebäude, Menschen und Landschaften waren nicht zerstört worden. Sie wurden durchsichtig und verschwanden, während alle Aufzeichnungen sich selbst löschten.
Kurz vor dem Ende hatte jemand Aven in ein Kausalfeld eingeschlossen.
Dadurch überlebte sie die Auslöschung ihrer gesamten Realität.
Als Selene Veyr von Aven erfuhr, befahl sie deren sofortige Überstellung.
Oryn verweigerte den Befehl.
Zum ersten Mal erschien Veyr persönlich als Projektion auf seinem Schiff.
„Dieses Kind ist eine zeitliche Verletzung“, sagte sie.
Oryn antwortete:
„Sie ist ein Mensch.“
„Sie stammt aus einer Zukunft, die niemals eintreten darf.“
„Für sie war es keine Zukunft. Es war ihr Zuhause.“
Veyr schwieg.
Dann erklärte sie Oryn Vale zum Feind der Realität.
XIII. Das zerbrochene Archiv
Oryn floh mit Aven.
Ein Teil seiner Mannschaft schloss sich ihm an. Andere blieben dem Archiv treu. Innerhalb weniger Stunden entstanden Tausende unterschiedliche Prognosen ihrer Flucht.
Oryn nutzte die Aufzeichnungen seines älteren Selbst, um den Verfolgern zuvorzukommen. Doch jede gelesene Vorhersage veränderte seine Entscheidungen. Dadurch entfernte er sich immer weiter von dem Weg, den sein älteres Selbst gegangen war.
Schließlich begriff er das Paradox:
Je genauer er versuchte, die bekannte Zukunft zu verhindern, desto wahrscheinlicher konnte er sie verursachen.
Aven besaß dagegen eine ungewöhnliche Fähigkeit. Da ihre ursprüngliche Zeitlinie nicht mehr existierte, konnten die Kalkulatorien ihre Entscheidungen kaum erfassen. In ihrer Nähe verloren Prognosen an Genauigkeit.
Sie war kein blinder Fleck wie Liora.
Sie war eine Leerstelle.
Liora Sen, die trotz vergangener Jahrtausende noch lebte, suchte Oryn heimlich auf. Durch ihre gleichzeitigen Erinnerungen an verschiedene Lebensverläufe war sie längst nicht mehr sicher, welches Alter sie tatsächlich besaß.
Sie erklärte ihm, dass Selene Veyr den Schwarzen Meridian nicht verhindern wolle.
Veyr wolle ihn kontrollieren.
Unter Krythara existiere eine Struktur, die eine einzelne Zeitlinie dauerhaft über alle anderen Möglichkeiten legen könne. Mit ihr könnte Veyr Meridian Null endlich verwirklichen.
Die perfekte Zukunft der Asterischen Union war nie aufgegeben worden.
Sie hatte nur einen neuen Namen erhalten:
Die Ewige Gegenwart.
XIV. Der Krieg, der noch nicht begonnen hat
Das Meridian-Archiv ist heute in mehrere Lager gespalten.
Die Bewahrer der Einen Linie folgen Selene Veyr. Sie glauben, dass freier Wille langfristig immer Chaos erzeugt. Für sie ist eine einzige stabile Zukunft der einzige Weg, alle Zivilisationen vor Krieg und Auslöschung zu schützen.
Die Kuratoren der offenen Pfade folgen Liora Sen. Sie wollen gefährliche Zeitveränderungen begrenzen, ohne Entscheidungen vollständig vorherzubestimmen.
Oryn Vale führt die Verlorenen Möglichkeiten an. Zu ihnen gehören Menschen und Wesen aus ausgelöschten Zeitlinien. Sie kämpfen nicht nur für die Zukunft, sondern für die Wiederherstellung ganzer Welten, die aus der Geschichte entfernt wurden.
Aven sucht nach Sorya.
Sie glaubt, dass ihr Planet nicht vollständig vernichtet wurde. Möglicherweise existiert er als eingefrorene Möglichkeit innerhalb der Struktur unter Krythara.
Doch das Öffnen dieser Möglichkeit könnte eine andere existierende Welt verdrängen.
Jede gerettete Zeitlinie benötigt Raum in der Wirklichkeit.
Und dieser Raum muss irgendwoher kommen.
XV. Der Spieler als unmögliche Variable
Die Geschichte des Spielers beginnt mit dem Fund eines kleinen Meridian-Fragments in einem gewöhnlichen Asteroiden.
Als das Fragment mit dem Schiffssystem verbunden wird, empfängt der Spieler einen Notruf.
Die Stimme gehört ihm selbst.
Eine ältere Version des Spielers warnt vor einer Entscheidung, die den gesamten Krythara-Sektor vernichten werde. Bevor genaue Informationen übermittelt werden können, bricht das Signal ab.
Kurz darauf erscheint ein Schiff des Meridian-Archivs.
Die Besatzung verlangt die Herausgabe des Fragments und behauptet, der empfangene Notruf stamme aus einer verbotenen Zukunft.
Von diesem Moment an verändert jede große Entscheidung des Spielers die verfügbaren Missionen.
Stationen können andere Bewohner besitzen.
Bestimmte Figuren erinnern sich an frühere Entscheidungen, obwohl diese rückgängig gemacht wurden.
Zerstörte Schiffe können in einer anderen Zeitlinie zurückkehren.
Der Spieler kann sogar Versionen seiner eigenen Ausrüstung aus möglichen Zukünften finden.
Doch je häufiger die Realität verändert wird, desto instabiler wird sie.
Spieler können Selene Veyr helfen, die Ewige Gegenwart zu erschaffen. Kriege, Hunger und Chaos könnten dadurch tatsächlich beendet werden – auf Kosten jeder Zukunft, die nicht in ihren Plan passt.
Sie können Liora Sen unterstützen und die Zeittechnologie begrenzen.
Sie können mit Oryn verlorene Welten wiederherstellen.
Sie können Aven helfen, Sorya zurückzubringen.
Oder sie können versuchen, die Struktur unter Krythara vollständig zu zerstören und der Zukunft ihre Unberechenbarkeit zurückzugeben.
Dabei entdecken sie schließlich die letzte Aufzeichnung von Doktor Cael Oridan, dem ersten Menschen, der den Meridian durchquerte.
Oridan erklärt, dass die ältere Version seiner selbst nicht aus der Zukunft zurückkehrte.
Sie kam aus Meridian Null.
Aus jener angeblich perfekten Realität, die Selene Veyr seit Jahrtausenden zu erschaffen versucht.
Doch Meridian Null war kein Paradies.
Es war eine zeitlose Welt, in der nichts Unerwartetes mehr geschah. Kein Krieg, kein Schmerz und keine Unsicherheit existierten dort.
Aber auch keine wirkliche Entscheidung.
Keine Entdeckung.
Keine Hoffnung.
Denn Hoffnung kann nur dort entstehen, wo die Zukunft noch nicht feststeht.
Oridans letzte Botschaft lautet:
„Wir wollten wissen, was morgen geschieht, weil wir Angst hatten, heute falsch zu entscheiden. Doch eine Zukunft ohne die Möglichkeit eines Fehlers ist keine Zukunft. Sie ist ein Gefängnis, dessen Mauern wir noch nicht sehen können.“
Während die Aufnahme endet, beginnt der Schwarze Meridian.
Sterne verschwinden aus den Karten.
Kolonien senden Nachrichten über Familienmitglieder, an die sich außer ihnen niemand erinnert.
Ein zweiter Krythara-Sektor erscheint für wenige Sekunden über dem ersten – mit anderen Planeten, anderen Fraktionen und einer Version des Spielers, die längst eine Entscheidung getroffen hat.
Diese andere Version blickt durch den Spalt zwischen den Zeitlinien.
Sie sagt nur einen Satz:
„Tu diesmal nicht, was ich getan habe.“
Dann beginnt der Krieg um die Wirklichkeit.